Im Test: Ibanez AZ22S1F-TKS – HSS-Allrounder mit dyna-MIX9
Einordnung: die AZ22S1F positioniert sich innerhalb der AZ-Standard-Serie als moderner S-Style-Allrounder mit HSS-Bestückung, praxisnaher Elektrik und erstaunlich hochwertiger Ausstattung im unteren bis mittleren Preisfeld (Straßenpreis um 550 €). Zielgruppe sind Spieler, die maximale Vielseitigkeit ohne Bastelaufwand suchen.
Konstruktion & Verarbeitung
Kernzutaten: Erlenkorpus mit geflammter Ahorndecke, geschraubter Roasted-Maple-Hals, Jatoba-Griffbrett und 22 Jumbo-Edelstahlbünde. Die Mensur beträgt 25,5″, der Griffbrettradius liegt bei 12″; die Sattelbreite ist klassisch strat-nah. Das T106-Vibrato (Vintage-6-Schrauben) wird von Locking-Mechaniken flankiert. Der Hals trägt das AZ-typische, moderat schlanke C-Profil (ca. 20,5 mm am 1. Bund / 22,5 mm am 12. Bund) und mündet in den Super All Access Neck Joint – der Übergang ist vorbildlich verrundet, hohe Lagen sind problemlos erreichbar.
Die Verarbeitung ist in dieser Klasse sehr gut: sauber gesetzte Bünde, ordentliches Fräs- und Lackbild, passgenaue Halstasche. Typische Detailpunkte, die je nach Exemplar auftreten können: minimal rau wirkende Bundkronen (Politur lässt sich leicht nachholen), ein Schraub-Tremolohebel mit leichtem Spiel sowie der funktionale, aber nicht edle Kunststoffsattel.
Elektronik & Schaltung (dyna-MIX9) – die Bestückung hört auf „Ibanez Classic Custom“: zwei Alnico-Singlecoils (Hals/Mitte) und ein Keramik-Humbucker am Steg. Herzstück ist die dyna-MIX9-Schaltung: ein 5-Way-Blade wird per Alter-Switch um vier zusätzliche Kombinationen erweitert. Neben den klassischen Zwischenstellungen bietet die AZ22S1F seriell verschaltetes Hals+Mitte (pseudo-humbucker-artig) und sinnvolle Split-Varianten am Steg. Wichtig: Die Lautstärke-Abstimmung zwischen HB und SC ist praxisgerecht, die Umschaltlogik selbsterklärend.
Spielbarkeit & Ergonomie – das AZ-Shaping mit großzügiger Arm- und Bauchkontur liegt satt am Körper, die Gitarre hängt ausgewogen am Gurt. Der Hals fühlt sich unmittelbar „vertraut“ an – griffig, nicht zu flach, mit sehr guter Kantenrundung. Edelstahlbünde sorgen für langlebiges Spielgefühl und reibungsarme Bendings. Das T106-Vibrato ist werkseitig meist leicht aufliegend eingestellt; moderates Vibrato arbeitet definiert, die Rückkehr zur Stimmung profitiert spürbar von den Locking-Tunern.
Klang
Clean: Hals-Singlecoil liefert einen runden, holzigen Grundton mit luftigen Höhen – ideal für Arpeggios und Begleitpattern. Hals+Mitte glänzt mit glockigem „Quack“ für Funk-Chops. Steg-Split+Mitte erzeugt drahtige, perkussive Texturen; Akkorde bleiben definiert, ohne dünn zu wirken.
Crunch: Die Zwischenstellungen überzeugen mit bissigem Attack und transparenter Saitentrennung – Pop/Rock-Rhythmik sitzt sofort im Mix. Der Steg-Humbucker deckt Classic-Rock-Riffs souverän ab, ohne in harsche Hochmitten zu kippen. Dynamik über das Volumepoti: gut dosierbar, die AZ reagiert feinfühlig auf Anschlagstärke.
Gain/Lead: Der keramische Steg-HB liefert straffes Low-End und klare Konturen bei Palm-Mutes; Leads profitieren von einem leichten Mitten-Sweet-Spot und tragfähigem Sustain. Als „dicker Mittelweg“ empfiehlt sich der serielle Hals+Mitte-Modus, wenn Singlecoils zu schlank erscheinen, ohne gleich auf den HB zu wechseln.
Nebengeräusche: SC-typisches Brummen ist vorhanden, jedoch moderat. Die seriellen Modi wirken naturgemäß ruhiger, ohne den Charakter der Gitarre zu verwischen.
Stimmstabilität & Hardware-Details – das Vintage-Tremolo ist kein Dive-Bomb-System, hält moderates Vibrato aber zuverlässig aus. Rückkehr zur Stimmung: gut, sofern Sattelkerben korrekt entgratet und leicht geschmiert sind. Der Trem-Arm kann je nach Toleranz etwas Spiel haben; eine simple Justage der Hülse oder ein Streifen PTFE-Band schafft Abhilfe. Die Einzelsaitenreiter erlauben präzise Intonation, die Locking-Mechaniken beschleunigen Saitenwechsel und reduzieren Schlupf.
Praxis & Setup-Hinweise
- Sattelkerben prüfen (Schnarrpunkte bei Bendings? ggf. minimal tiefer feilen/graphitieren).
- Federanzahl und -spannung des Tremolos auf den persönlichen Anschlag abstimmen (drei Federn sind ein guter Start).
- Pickup-Höhen sorgfältig ausbalancieren; so lassen sich Pegelsprünge zwischen HB und SC minimieren und die Sweet-Spots der Zwischenstellungen freilegen.
Zielgruppe & Alternativen: die AZ22S1F richtet sich an Gitarristen, die ein sorgloses Arbeitsinstrument suchen: moderne Ergonomie, neun schlüssige Schaltpositionen, Edelstahlbünde, Locking-Tuner – alles „out of the box“ bühnentauglich. Als Vergleich bieten sich eine Fender Player HSS (klassischer, aber weniger feature-reich), eine Yamaha Pacifica 612V II FM (2-Punkt-Trem, markante PUs) oder eine Sire S7 (ebenfalls Edelstahl/modern) an. Geschmackssache: Wer absolut vintage-authentische Glas-Höhen oder maximalen High-Gain-Push sucht, wird ggf. mit einem gezielten Pickup-Upgrade noch glücklicher.
Fazit: Ibanez liefert mit der AZ22S1F-TKS einen rund abgestimmten HSS-Allrounder, der seine Preisklasse souverän überperformt: ergonomisches Handling, vielseitige und sinnvoll gewichtete Sounds, langlebige Edelstahlbünde und praxisnahe Hardware. Kleine Abzüge bei Detail-Finish (Bundpolitur, Trem-Arm-Spiel) und der schlichte Kunststoffsattel ändern am Gesamturteil wenig. Wer eine vielseitige, wartungsarme Arbeitsgitarre für Unterricht, Bühne und Studio sucht, findet hier einen klaren Kauftipp.
Pro
- Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Roasted-Maple-Hals, Edelstahlbünde, Locking-Mechaniken
- dyna-MIX9 mit sinnvoller Serienstreuung der Sounds
- Ergonomie/Neck-Joint auf hohem Niveau
- Stimmstabilität im Alltag überzeugend
Contra
- Tremolohebel teils mit leichtem Spiel
- Kunststoffsattel statt Graphit/Knochen
- Bundpolitur je nach Exemplar verbesserungsfähig
Technische Daten (Kurzüberblick)
- Korpus: Erle, Flamed-Maple-Top
- Hals: Roasted Maple, verschraubt
- Griffbrett: Jatoba, 12″-Radius, 22 Jumbo-Edelstahlbünde
- Mensur: 25,5″; Sattelbreite: ca. 42 mm
- Pickups: Ibanez Classic Custom (S/S/H)
- Schaltung: 5-Way + Alter-Switch (dyna-MIX9)
- Hardware: T106-Vibrato (Vintage-6-Schrauben), Locking-Mechaniken
- Finish: TKS (Transparent Black Sunburst) bzw. Serienvarianten
🎸 Herstellerlink: https://www.ibanez.com/eu/products/detail/az22s1f_5n_01.html
🎸 Rockshop Karlsruhe: https://www.rockshop.de/ibanez-az-22s1f-tks-transparent-black-sunburst
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📩 Fragen zur Gitarre? Schreib sie mir gerne in die Kommentare!
Viel Spaß mit dem Test
Horst Keller
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