Krieg um die Strat? Fender, S-Style-Gitarren und die Zukunft der Gitarrenkultur
Es gibt Themen in der Gitarrenwelt, die größer sind als ein einzelner Hersteller, ein einzelnes Modell oder ein einzelnes Urteil. Die aktuelle Diskussion um Fender, die Stratocaster-Korpusform und sogenannte S-Style-Gitarren gehört genau in diese Kategorie.
Auf den ersten Blick klingt es wie ein juristischer Streit zwischen Firmen. In Wahrheit geht es um eine viel größere Frage: Wem gehört eine Form, die seit siebzig Jahren zur Grundsprache der E-Gitarre geworden ist?
Geht es hier um legitimen Schutz vor Plagiaten und Täuschung? Oder beginnt hier der Versuch, ein Stück Gitarrenkultur nachträglich wieder einzuzäunen?
🛠 Der aktuelle Stand: Was ist passiert?
Das Landgericht Düsseldorf hat ein brisantes Urteil gefällt (Aktenzeichen: 14c O 64/25). In dem Verfahren ging es um Fender gegen einen chinesischen Anbieter (Yiwu Philharmonic Musical Instruments), der über AliExpress nahezu identische Stratocaster-Nachbauten nach Deutschland geliefert hatte.
Wichtig zu wissen: Es war ein Versäumnisurteil. Die Gegenseite hat sich nicht verteidigt.
Das macht das Urteil nicht bedeutungslos, aber es bedeutet: Es gab keine große streitige Auseinandersetzung mit einem etablierten Gitarrenbauer, der argumentiert hätte, dass die S-Style-Form seit Jahrzehnten eine allgemein genutzte Formensprache der gesamten Branche ist.
Markenrecht vs. Urheberrecht: Der feine Unterschied
Viele denken bei diesem Thema automatisch an das klassische Markenrecht (Logo, Kopfplatte, Herkunftstäuschung). Das greift hier aber zu kurz:
- Der US-Ansatz (2009): In den USA scheiterte Fender mit dem Versuch, bestimmte Korpusformen umfassend schützen zu lassen. Dort wurde die jahrzehntelange, weite Verbreitung der Formen als Gegenargument gewertet.
- Der Düsseldorfer Weg: Das deutsche Gericht sah den Stratocaster-Korpus als urheberrechtlich geschütztes Werk angewandter Kunst an. Genau hier liegt die eigentliche Brisanz für den europäischen Markt.
🎸 Warum die Gitarrenwelt so heftig reagiert
Die Aufregung entsteht nicht, weil Gitarristen billige Fälschungen verteidigen wollen. Kaum jemand hat Mitleid mit Anbietern, die dreiste Plagiate über AliExpress oder Temu vertreiben. Wenn jemand eine Gitarre baut und das originale Logo fälscht, ist das Betrug. Dagegen muss vorgegangen werden.
Die Reaktion der Community kocht deshalb hoch, weil inzwischen Berichte über Unterlassungserklärungen (Cease-and-Desist-Schreiben) kursieren. Öffentlich klar bestätigt ist bisher der Fall von LsL Instruments, einem kleinen Boutique-Hersteller aus Kalifornien.
Musiker, Händler und Lehrer wissen ganz genau:
- Eine LsL ist keine Fender.
- Eine Suhr oder PRS Silver Sky ist keine Fender.
- Eine Yamaha Pacifica oder Ibanez AZ ist keine Fender.
Wer eine solche Gitarre kauft, wird nicht getäuscht. Er sucht bewusst eine eigenständige Alternative mit anderen Halsprofilen, Edelstahlbünden, moderner Hardware oder speziellen Pickup-Bestückungen. Das ist keine Täuschung, das ist freier Wettbewerb.
👥 Die Stratocaster ist längst mehr als ein Produkt
Leo Fender hat diese Form geschaffen – das bleibt sein ewiges Verdienst. Aber die Gitarrenkultur hat diese Form über siebzig Jahre weitergetragen, verändert, verbessert und lebendig gehalten. Die Stratocaster ist Buddy Holly, Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jeff Beck, David Gilmour, Mark Knopfler, Stevie Ray Vaughan und John Mayer.
Irgendwann wird aus einer Erfindung eine allgemeine Sprache.
| Eine problematische Kopie | Eine eigenständige S-Style-Gitarre |
| Will als Original erscheinen (Täuschung). | Nutzt eine bekannte, etablierte Formensprache. |
| Nutzt gefälschte Logos und Kopfplatten. | Zeigt stolz das eigene Logo und modifizierte Designs. |
| Schadet dem Markt und dem Ruf des Originals. | Denkt das ergonomische Konzept kreativ weiter. |
📉 Riskiert Fender hier ein gewaltiges Eigentor?
Fender lebt nicht nur von Patenten, Marken und Vertriebsstrukturen. Fender lebt von Vertrauen und Emotionen. Gitarristen kaufen keine Excel-Tabellen, sondern Gefühl, Geschichte und eine tiefere Beziehung zu ihrem Instrument.
Wenn eine Traditionsmarke den Eindruck erweckt, eine gewachsene Musikkultur wieder komplett in Privateigentum zurückverwandeln zu wollen, entsteht ein immenser Vertrauensschaden. Die Stratocaster wurde nicht groß, weil Anwälte sie eingesperrt haben, sondern weil Musiker und freie Gitarrenbauer sie auf den Bühnen und in den Werkstätten dieser Welt weitergedacht haben.
Was Fender besser machen könnte:
Eine klare, unmissverständliche Linie ziehen: Harte Kante gegen echte Täuschung und Plagiate. Aber gleichzeitig den vollen Respekt vor eigenständigen S-Style-Instrumenten mit eigener Kopfplatte, eigener Marke und eigener konstruktiver Handschrift wahren. Das wäre ein Zeichen von echter Stärke.
🔮 Was bedeutet das jetzt für dich als Spieler?
Wenn du eine S-Style-Gitarre besitzt, musst du nicht nervös werden. Kein Privatmann muss seine Instrumente abgeben. Es geht hier rein um die gewerbliche Herstellung und den Vertrieb.
Egal ob du eine Fender, eine Yamaha Pacifica, eine PRS Silver Sky oder eine Custom-Shop-Gitarre liebst: Spiel sie. Ein Anwaltsschreiben ändert absolut nichts daran, ob ein Instrument in deinen Händen gut klingt und sich gut anfühlt.
💬 Deine Meinung ist gefragt!
Fender testet gerade aus, wie viel gemeinsame Gitarrenkultur juristisch reglementiert werden kann. Deshalb betrifft dieses Thema uns alle.
- Wo ziehst du persönlich die Grenze zwischen einer billigen Kopie und einer legitimen S-Style-Gitarre?
- Siehst du in einer eigenständigen Gitarre mit modifizierter Kopfplatte ein Problem oder berechtigte Vielfalt?
Schreib mir deine Meinung dazu unten in die Kommentare – diese Diskussion wird uns garantiert noch sehr lange begleiten.
Halte die Gitarre am Leben,
Dein Horst Keller
VIP-Guitar
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